Bericht 1968

Eintrag 58

BERICHT über die musikwissenschaftlichen Arbeiten in der Deutschen Demokratischen Republik

Artikel1968
Zum Bericht 1968

Gülke, Peter: Versuch zur Ästhetik der Musik Leos Janáčeks. - Leipzig: Edition Peters 1968. - In: Deutsches Jahrbuch der Musikwissenschaft für 1967. 12 (1968), S. 5-39.

Janáčeks Musik irritiert, weil gängige Hörerfahrungen an ihr versagen. Jähe Durchbrüche, Kristallisationen von höchster Prägnanz dominieren gegenüber herkömmlicher Logik der Form. Entsprechend dem darin sich äußernden Postulat der Unmittelbarkeit ist auch das Motiv primär nicht abstrakter Baustein, sondern Ausdrucksträger. Es wandelt sich linear, d.h. immer vom eben Formulierten ausgehend, modifiziert sich in seinen Bedeutungen und ist in der Brauchbarkeit für verschiedenste Zusammenhänge Gegentyp zum Leitmutiv. Unmittelbarkeit bestimmt auch den Gebrauch der Wortmelodien, oft mit dem Charakter von objets trouvés und stets eine gewisse Rohform behaltend. Der Zwang zur möglichst direkten Vermittlung des schöpferischen Impulses verschmäht den Verlaß auf die klassischen Mittel wie Verarbeitung, Fortspinnung, Kontrapunkt, Modulation, selbst ausgeformte Schlüsse; der Polyphonie fehlt die integrierende Funktion. Die ideale Kommunikation besteht für Janácek in der Vokalmusik; dementsprechend gebraucht er ihre Elemente, besonders Pentatonik, aus der der typische Grundklang zweiter übereinanderstehender Quinten, durch die häufige Spielfigur dargestellt, abgeleitet ist. - Die Arbeit bevorzugt bei der Analyse die zeitlich benachbarten Werke "Katja Kabanowa", "Tagebuch eines Verschollenen" und das 1. Streichquartett.

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