Mayer, Günter: Historischer Materialstand. Zu Hanns Eislers Konzeption einer Dialektik der Musik. - In: Deutsches Jahrbuch der Musikwissenschaft für 1972. Jg 17. - Leipzig: Edition Peters 1974, S. 7-24.
Durch den materialistischen Historismus von Marx wurde die spezifische Qualität der Gesellschaft gegenüber der Natur erfaßt. Das Verständnis für die letzten Endes sozialgeschichtliche Determination auch der musikalischen Entwicklungsprozesse führt zur Aufhebung der ausschließlichen Ableitung von spezifisch-musikalischen Gesetzmäßigkeiten und Wertkriterien aus Naturgesetzen, -energien, -kräften, zur Aufdeckung der konservativen Tendenz der auf Naturggegründeten Musikkonzeptionen. Das musikalische Material ist demnach nicht naturgegebener "Werkstoff" sondern vor allem historisch sich wandelndes Produkt, das dem allgemeinen Gesetz der materiellen und geistigen Produktion unterliegt und von den sozialen Interessen bestimmter Klassen und Gruppen der Gesellschaft seiner Funktion und Struktur mitgeprägt wird. Die dem jeweiligen Entwicklungsstand musikalischer Produktion und Konsumtion entsprechende, durch bestimmte Verfahrensweisen vermittelte Ausprägung der Materialdimension der Beziehungen zwischen diesen werden im Begriff des historischen Materialstandes erfaßt, vergleichbar im Entwicklungsniveau gesellschaftlicher Produktivkräfte, dem Sprachzustand und der jeweiligen Praxis der Sprachverwendung. Die in authentischen Kompositionen sich durchsetzende, qualitativ neue Strukturierung der für eine bestimmte Periode verbindlichen Grundbestimmungen des musikalischen Materials führt zu einer Materialrevolution, einem neuen historischen Materialstand, Zum Begriff des neuen Materials gehört als Gegenbestimmung der des verbrauchten Materials. Der jeweilige Materialstand wird als Reflex und Agens eines bestimmten Gesellschaftsstandes begriffen. Mit dieser auf den dialektischen Determinismus gegründeten Auffassung, die Eisler im Ansatz vertreten hat, konnte die mechanistische Abbildtheorie überwunden werden.
Personen
- Günter Mayer Autor*in