Rüger, Christof: Ethische Konstanz und stilistische Kontinuität im Schaffen Alexander Nikolajewitsch Skrjabins unter besonderer Berücksichtigung seiner Klavierkompositionen. - Leipzig. - Phil. Diss. 1971. 319 S.
Versucht wurde, die Skrjabins Schaffen zugrundeliegenden ästhetischen und kompositionstechnischen Kontinua aufzuzeigen und ihre Präsenz auch im Spätwerk nachzuweisen. Die philos. Studien des Komponisten werden als sekundär relativiert: Skrjabins Musik ist zwar nicht unabhängig von ihnen entstanden, jedoch lebensfähig ohne sie. Skrjabin verfügt neben dem entscheidenden Einfluß Chopins durchaus über eine nationale Tradition. Seine differenzierte Abbildungskunst der psychischen Sphäre entspricht dem "allgemeinen Aufschwung des Persönlichkeitsgefühls" seiner Seit (Lenin) und trägt realistische Züge: Skrjabin als "psychologischer Realist". Grunderlebnis für seine philosophisch-ästhetische Entwicklung ist ein persönlicher Willenssieg über eine schwere Handerkrankung des jungen Pianisten. Zugleich aber ist Skrjabins Heroik gesellschaftlich repräsentativ. Die Endzwecksetzung der Musik und aller Künste bei Skrjabin (purifikante, aktivierende und kollektivierende Funktion) trennt seine Ästhetik von der des Expressionismus und. macht neben formalen (vertikale gegen horizontale Genetik) auch inhaltliche Analogien zu Zwölfton- und Serientechnik gegenstandslos. Ausdruck dieses Endzieles ist Skrjabins Mysterium, dessen künstlerischer Gegenstand die Evolution des menschlichen Geistes. der menschlichen Schöpferkraft darstellte. Als Zustand der aktiven, mitvollziehenden (Werfall der Schranke: Interpret-Hörer) Rezeption erscheint die Ekstase, deren Vorbedingung: "beflügelte Konzentration" hervorgerufen wird durch thematische und harmonische All-Einheit (Themenmetamorphose als Sonderform thematischer Arbeit; Klangzentrenharmonik als Integration von Vertikale und Horizontale aufgrund einer für jedes werk besonders modifizierten Quartschichtung des Tonmaterials und Verdrängung der Dominant-durch Tritonus-Beziehung). Die Konzeption des Mysteriums stellt sich keineswegs als eschatologisch dar (Einmaligkeit), sondern als Festspielzyklus in (so Skrjabin) der Art Bayreuths (Institution). Die Werke ab op. 50, von Skrjabin als Materialsammlung für das Mysterium bezeichnet, profitieren von dieser ethischen Rehabilitation des - freilich irrealen - Gesamtplanes.
Personen
- Christof Rüger Autor*in