Niemeyer, Annemarie: Franz Schuberts "Lazarus"-Fragment und seine Beziehung zur Textdichtung. - In: Bericht über den Internationalen Musikwissenschaftlichen Kongreß Leipzig 1966. - Kassel, Basel (usw.): Bärenreiter; Leipzig: VEB Dt. Verl. f. Musik 1970. S. 300-305.
In Verbindung mit Informationen über die Werkgeschichte handelt es sich um bisher ungeklärte Fragen: Auf welche Weise kam Schubert an die Textdichtung des Hallenser Theologen und Pädagogen August Hermann Niemeyer, die dieser 1778 als Libretto für J. H. Rolle verfaßt hatte? Stimmt es, daß Schubert dieses Libretto veränderte? Warum vollendete Schubert seine Komposition nicht? Niemeyers Schriften wurden in Wien bekannt im Zusammenhang mit seiner Reise nach Wien 1811. Der Textvergleich zwischen Erstauflage und Neufassung des "Lazarus" 1814 ergibt, daß Schuberts Vorlage - abgesehen von wenigen Ausnahmen - Zeile für Zeile der Urtext von 1778 ist. Das Liegenlassen der bedeutenden Komposition ist für März 182o aus widrigen Lebensumständen Schuberts erklärbar. Das Unterlassen der Wiederaufnahme mit dem dritten Teil, der Auferstehung, ist aus Schuberts seelischer Verfassung in diesem Jahr verständlich. Denkbar aber ist es, daß dieser Schluß der Textdichtung in seiner Breite mit den mehreren Jubelchören der kritischen Sicht des Komponisten nicht standgehalten hat, und daß er einen Abschluß mit dem tröstlichen Freundeschor bei der Grablegung im zweiten Teil selbst für Befriedigend gehalten hat.
Personen
- Annemarie Niemeyer Autor*in